La Barceloneta. Was ein Turm mit jedem Meter der Welt zu tun hat.

Wer im Stadtteil La Barceloneta ankommt, merkt sofort: Die Gassen sind zu eng für das, was heute durch sie durchfließt. Schmale Häuserreihen aus dem 18. Jahrhundert, dazwischen Surfboard-Verleih, Fischrestaurants und Touristen mit Rollkoffern. Das Schachbrettmuster des Viertels, einst von einem Militäringenieur am Reißbrett entworfen, war nie für Millionen Besucher gedacht. Es war für Fischer und Hafenarbeiter gedacht, die anderswo keinen Platz mehr hatten. La Barceloneta entstand 1754 auf einer schmalen Landzunge vor dem Hafen, errichtet für jene, die durch den Bau deiner Militärfestung ihr Zuhause verloren hatten. Die Straßen wurden so angelegt, dass die Meeresbrise zwischen den Häusern hindurchstreichen kann.

Heute gehört das Viertel zu einer der meistbesuchten Strände Europas. Barcelona verzeichnet rund 26 Millionen Besucher pro Jahr, mehr Touristen pro Quadratkilometer als New York oder Venedig. La Barceloneta trägt einen Teil dieser Last. Die Mietpreise sind in zehn Jahren um über 60 Prozent gestiegen, alte Fischerfamilien müssen wegziehen damit Wohnungen zu Ferienwohnungen werden können. Was bleibt, ist die Form des Viertels und die Erinnerung an das, was es war.

Am Ende der Fischermole steht die Torre del Rellotge, ein unscheinbarer Uhrenturm, 1772 als Leuchtturm errichtet. Fast niemand hält dort an, dabei ist dieser Turm in der Geschichte unseres Alltags nicht wegzudenken: Der Astronom Pierre Méchain nutzte ihn zwischen 1792 und 1795 als südlichsten Referenzpunkt, um den Meridian zwischen Dünkirchen und Barcelona zu vermessen. Die Idee dahinter war einfach und radikal zugleich: Statt eine Längeneinheit willkürlich festzulegen, sollte die Erde selbst den Maßstab liefern. Das Ergebnis der Messung: Ein Zehnmillionstel der Strecke vom Nordpol zum Äquator wurde zu einem Meter. Fast jedes Maßband, fast alle Baumpläne, fast alle Länder weltweit rechnen seitdem mit einer Einheit, deren Nullpunkt an einem Leuchtturm in einem Fischerviertel liegt.

Enric, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Méchain selbst zweifelte bis zu seinem Tod an der Genauigkeit seiner Daten. Er starb 1804 in Spanien, auf dem Weg, die Daten zu prüfen und zu korrigieren. Der Turm steht noch heute (es ist übrigens der kleine Turm rechts, nicht der grössere Turm in der Mitte). Um ihn herum füllen sich im Sommer die Strandbars, ziehen Kreuzfahrtschiffe am Horizont vorbei, schieben sich die Menschen durch Gassen, die für eine ganz andere Welt gebaut wurden.


Dieser Beitrag ist Teil einer größeren Geschichte. Earth’s Agency ist eine fiktionale Buchreihe über reale Fakten, echte Systeme und das, was auf dem Spiel steht.

Felicity & Cassian mittendrin, in einer Welt, die nicht vollständig erfunden ist.

Wirklichkeit wird zur Geschichte. Geschichte wird zur Wirklichkeit.

Zur Buchreihe.


Jeder hört anders. Wer wissen will, welche Musik die Protagonisten im Buch hören, wenn gerade keine Krise ist, findet es bei Spotify. Felicity Cassian Jasmine Étienne



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