Wasser als Lebensraum. Schwimmende Gärten, amphibische Häuser und eine Kuh auf dem Ponton.

Mexiko, irgendwann im 13. Jahrhundert, nur Hände, keine Werkzeuge und Schilf mit nassem Schlamm, der an den Fingern klebt. Die Azteken bauen keine Felder, sie bauen Flöße, Schicht für Schicht wuchsen diese auf dem Wasser eines Sees, verankert an Weidenwurzeln, gedüngt vom Grund darunter. Und darauf wuchs Gemüse mit bis zu sieben Ernten im Jahr.

Das Wasser ist nicht der Feind, es ist Freund und Helfer.

Diese Erkenntnis ist über 700 Jahre alt und beinahe vollständig verschwunden. Teile von Jakarta sinken jährlich bis zu 15 Zentimeter in ihr eigenes Grundwasser, und die Regierung plant, die Hauptstadt zu verlegen. New Orleans baute Deiche, die bei Katrina versagten, Rotterdam pumpt, sperrt und baut Dämme. Die Antwort auf Wasser ist überall dieselbe geworden: fernhalten, aufstauen, wegpumpen. Doch an den Rändern, in den Deltas, auf den Seen und in den Überschwemmungsebenen haben Menschen nie aufgehört, es anders zu machen.

Sie haben das Wasser nie bekämpft. Sie haben auf ihm gebaut, gepflanzt und gewohnt. Nicht als Notlösung. Als System.

Der Garten, der keine Erde braucht

In den überfluteten Küstendistrikten von Bangladesch gibt es von Oktober bis März keine trockenen Felder. Also bauen Bäuerinnen ihre Felder selbst. Baira heißen die schwimmenden Gärten: Flöße aus Wasserhyazinthen und verrottetem Pflanzenmaterial, bis zu 55 Meter lang, auf dem Überschwemmungswasser treibend. Darauf wächst Gemüse. Kein Boden nötig, kein Dünger, keine Bewässerung. Das Wasser düngt, trägt und feuchtet von selbst, weil die verrottende Pflanzenmasse Nährstoffe freisetzt, die direkt in die Wurzeln ziehen. 2015 erkannte die FAO die Baira-Technik als weltweit bedeutendes landwirtschaftliches Erbesystem an. Rund 100.000 Familien bewirtschaften sie noch heute, das BRAC-Programm (nebenbei, Brac ist eine der weltweit größten nichtstaatlichen Entwicklungshilfeorganisationen) hat die Technik mit verbessertem Saatgut und Mikrokrediten auf weitere 25.000 Familien in 13 Distrikten ausgeweitet.

Dasselbe Prinzip, 13.000 Kilometer entfernt und ohne jede historische Verbindung: die Chinampas von Xochimilco, heute noch 2.800 Hektar aktiver Anbaufläche unter UNESCO-Schutz, mit bis zu sieben Ernten jährlich. Beide Kulturen kamen unabhängig voneinander zur selben Lösung, weil das Wasser dieselbe Frage stellte. Und beide fanden dasselbe: Ein Garten auf dem Wasser braucht keinen Boden, weil das Wasser selbst der Boden ist. Er braucht keinen Dünger, weil das Wasser selbst düngt. Was als Notlösung begann, übertrifft das Feld auf trockenem Grund. Ähnliches lässt sich heute in den schwimmenden Gärten des Inle Lake in Myanmar beobachten, und die Künstlerin Mary Mattingly baute 2009 mit dem Waterpod auf dem Hudson River nach, was Bäuerinnen in Bangladesch seit Generationen wissen.

Karl Weule, †1926, Public domain, via Wikimedia Commons

Das Haus, das mit dem Wasser steigt

Elizabeth English ist Architekturprofessorin, 2006 fuhr sie nach Louisiana, ein Jahr nach Katrina. Was sie in Old River Landing fand, war kein Designprojekt. Fischerfamilien hatten ihre Holzhäuser selbst umgebaut: Schaumblöcke unters Fundament geschoben, damit das Haus beim nächsten Hochwasser einfach mitsteigt. Kosten: rund 5.000 Dollar.

Sie nannte das Buoyant Foundation Project und verbreitete die Technik nach Vietnam, Jamaika und Bangladesch. Wer ein bestehendes Haus nachrüstet, zahlt zwischen 10.000 und 25.000 Dollar, gegenüber 40.000 bis 60.000 Dollar für die staatlich empfohlene Aufständerung auf Stelzen. Die Antwort der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA auf Englishs Arbeit: Sie solle keine weiteren Informationen verbreiten. Die Versicherungskategorie für Häuser, die schwimmen statt zu versagen, existiert in den USA bis heute nicht.

Das Haus, das bei Flut nicht beschädigt wird, gilt als unversicherbar. Das Haus, das bei Flut zerstört wird, schon.

In Bangladesch baute Architektin Prithula Prosun das LIFT House: 92 Quadratmeter auf einem Bambusrahmen, Auftrieb durch 8.000 leere Plastikflaschen, Gesamtkosten rund 5.000 Dollar. Im niederländischen Maasbommel entstanden ab 2005 46 amphibische Häuser auf Betonwannen, die an Stahlpfählen geführt werden und im Januar 2011 zum ersten Mal schwammen, ohne einen Euro Schaden. In Buckinghamshire kämpfte das Büro Baca Architects jahrelang durch britische Baugenehmigungsverfahren für ein einzelnes amphibisches Privathaus. In Großbritannien fördert die Environment Agency seit 2018 das Nachrüsten flutgefährdeter Bestandsgebäude über das Flood Resilience-Programm, still, unspektakulär und außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt. Und in Bangladesch testen BRAC University und NGOs in Chittagong, ob sich amphibische Fundamente über Einzelprojekte hinaus skalieren lassen.

Die Logik ist überall gleich: Ein Haus, das nachgibt, überlebt. Ein Haus, das widersteht, versagt.

Die Kuh auf dem Ponton

Im Merwehaven-Hafen von Rotterdam liegt seit 2019 eine Plattform, auf der vierzig Kühe stehen. Nicht weil es eine originelle Idee war, sondern weil Rotterdam keine freien Flächen mehr hat, weil jedes Stück Land bereits bebaut oder überschwemmungsgefährdet ist, und weil der Hafen schon da war. Die Floating Farm von Peter und Minke van Wingerden produziert rund 600 Liter Milch täglich, betrieben mit Photovoltaik auf dem Dach, Regenwasser vom Dach und Stadtabfällen als Kuhfutter: Brauereischrot, Kartoffelschalen, Rasenschnitt aus Rotterdamer Sportplätzen. Kein Flächenverbrauch auf der Erde, kein Transportweg von außen.

Das ist kein Experiment mehr. Es ist ein Betrieb.

Image: Marcel Douwe Dekker, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons

Dasselbe Prinzip, auf einem Kanal den niemand bebauen wollte: Schoonschip in Amsterdam-Noord, fertiggestellt 2021. 46 Haushalte auf 30 Arken, 516 Solarpaneele, 30 Wärmepumpen. Strom wird zwischen Nachbarn gehandelt, Wärme aus dem Kanal gezogen. Das Quartier erzeugt mehr Energie als es verbraucht.

Kein Smart Grid, kein Designpreis: In Makoko, der Lagune von Lagos, wohnen rund 100.000 Menschen auf Stelzen und Pontons, seit Jahrhunderten. 2012 versuchten die Lagosser Behörden den Abriss. Der Widerstand war erfolgreich. Makoko existiert noch. Es steht auf demselben Prinzip wie Schoonschip. Nur sieben Jahrhunderte früher.

Das schwimmende Klassenzimmer

Jhuma ist zehn Jahre alt und lebt in Sunamganj, einem Distrikt im Nordosten Bangladeschs, der für mehr als die Hälfte des Jahres unter Wasser steht. Die nächste Schule ist nicht weit entfernt. Nur gibt es keinen Weg dorthin.

Jeden Morgen wartet sie am Ufer.

Seit 2002 schickt die Organisation Shidhulai Swanirvar Sangstha solarbetriebene Boote durch die Überschwemmungsgebiete Bangladeschs. Der Gründer Mohammed Rezwan, Architekt aus Dhaka, hatte eine einfache Umkehrung im Kopf: Wenn die Kinder nicht zur Schule kommen können, kommt die Schule zu ihnen. Die Boote sammeln Kinder an verschiedenen Uferstellen auf, fahren an einen ruhigen Ankerplatz, und der Unterricht beginnt. An Bord: Klassenzimmer, Bibliothek, Solarpanele, Laptops. Heute versorgt die Flotte rund 160.000 Menschen jährlich mit Bildung, Gesundheitsversorgung und Berufsausbildung.

Das Modell funktionierte. Also kopierte es jemand.

Seit 2012 betreibt die NGO BRAC ihre eigenen Schulboote in den Haor-Regionen Bangladeschs, stählerne Motorkähne von knapp dreizehn Metern Länge mit zehn Fenstern, Trinkwasser, Toiletten und einer Ecke für Experimente. 500 Boote fahren heute durch die Wasserstraßen von Rangpur, Rangamati und Sirajganj und unterrichten rund 14.000 Kinder das ganze Jahr. Alle Lehrerinnen kommen aus denselben Gemeinden, die sie unterrichten. Die Abbrecherquote in diesen Regionen, vor Einführung der Boote eine der höchsten im Land, sank messbar. Mehr als 99 Prozent der Schülerinnen und Schüler bestehen die nationalen Abschlussprüfungen.

2014 exportierte BRAC das Modell in die Philippinen. Auf den Inseln Basilan, Sulu und Tawi-Tawi leben die Kinder der Badjao und Sama, Seenomaden, die in regulären Schulen oft diskriminiert werden und deshalb selten erscheinen. Sieben rosafarbene Schulboote, verankert vor Stelzendörfern, bieten heute rund 200 Kindern Unterricht in ihrer eigenen Umgebung.

Eine dritte Variante des Prinzips entwickelte das niederländische Büro Waterstudio: ein umgebauter Frachtcontainer mit Solarstrom und Internetanschluss, der 2013 in einem Slum in Dhaka verankert wurde. Tagsüber nutzten ihn Kinder für Schulunterricht per Videoverbindung, abends Erwachsene für Existenzgründungskurse. 2019 wurde das Gefäß nach Alexandria in Ägypten verlegt, wo es bis heute betrieben wird.

Was diese drei Projekte verbindet, ist eine Verschiebung in der Grundannahme. Überschwemmungen werden nicht als Ausnahmezustand behandelt, der irgendwann endet, sondern als dauerhafter Zustand, an den sich Bildung anpassen muss. Das Boot ist nicht der Notbehelf, bis das feste Schulgebäude gebaut wird. Das Boot ist das Schulgebäude.

Was passiert, wenn man das Wasser arbeiten lässt

Schwimmende Gärten brauchen keinen Dünger, weil das Wasser düngt. Amphibische Häuser brauchen keine Evakuierung, weil sie nachgeben statt zu brechen. Floating Farms brauchen keine Fläche, weil Häfen bereits existieren. Das Wasser erledigt, was sonst Boden, Beton oder Logistik erledigen müssten.

Schwimmende Solaranlagen auf Stauseen, sogenannte Floatovoltaics, beschatten die Wasseroberfläche, weil sie Sonnenlicht abfangen, bevor es das Wasser erwärmt. Kühleres Wasser verdunstet weniger, also bleibt mehr im Stausee, also steigt der Ertrag für die umliegende Landwirtschaft. Gleichzeitig erzeugen dieselben Paneele Strom. Dieselbe Fläche, drei Funktionen. Die Weltbank schätzt das globale Potenzial auf 400 Gigawatt, ungefähr so viel, wie Ende 2017 weltweit insgesamt an Solarstrom installiert war. Alles auf Wasserflächen, die bereits existieren.

Wikideas1, CC0, via Wikimedia Commons

Irgendwo im Mekong-Delta und auf der Welt

Elizabeth English baut heute noch. Vietnam, Jamaika, Bangladesch. Keine Biennale-Trophäe, kein FEMA-Segen. Irgendwo im Mekong-Delta hebt sich gerade ein Haus, das

Die teuersten Antworten auf den steigenden Meeresspiegel sind Mauern, Pumpen und Hauptstadtverlagerungen. Die billigsten sind Schaumblöcke, Weidenwurzeln und Plastikflaschen.


Dieser Beitrag ist Teil einer größeren Geschichte. Earth’s Agency ist eine fiktionale Buchreihe über reale Fakten, echte Systeme und das, was auf dem Spiel steht.

Felicity & Cassian mittendrin, in einer Welt, die nicht vollständig erfunden ist.

Wirklichkeit wird zur Geschichte. Geschichte wird zur Wirklichkeit.

Zur Buchreihe.


Jeder hört anders. Wer wissen will, welche Musik die Protagonisten im Buch hören, wenn gerade keine Krise ist, findet es bei Spotify. Felicity Cassian Jasmine Étienne



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Earth's Agency: Feli & Cas und die Hüter des Wassers

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