Jakarta. Mehr als “Big Durian”.

Auf dem Fatahillah-Platz, zwischen einem Kolonialgebäude aus dem Jahr 1710 und einem Straßenverkäufer, der gerade Klebreis-Omelette auf Holzkohle grillt, hängt ein Schild:

Durian verboten.

Im U-Bahn-Netz hängt dasselbe Schild, ebenso in Hotels oder auf Flügen. Die Frucht, die Jakarta seinen Spitznamen gegeben hat, “Big Durian” wie New York “Big Apple”, darf man in weiten Teilen dieser Stadt nicht einmal auspacken, weil sie riecht als hätte jemand einen Käse in einen Turnschuh gesperrt und in der Sonne vergessen.

Jakarta liebt die Durian trotzdem. Und steht damit representativ für diese Stadt, die sich für nichts entschuldigt.

Ein Hafen aus einer anderen Zeit

Wer früh morgens nach Sunda Kelapa kommt, dem stockt kurz der Atem. Dutzende hölzerne Zweimaster liegen längsseits, pituresk bemalt in Weiß, Rot und Grün. Männer schleppen Zementsäcke über Holzplanken, Reisballen werden mit Gurten von Bord getragen, irgendwo stemmt jemand einen Bootsmast zurück in seine Halterung.

Image: Harisyunanto60, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Diese Schiffe heißen Pinisi, werden seit Jahrhunderten von den Bugis-Seeleuten aus Sulawesi gebaut, mit Holznägeln, ohne Metallschrauben, nach einem Handwerk, das die UNESCO 2017 als immaterielles Kulturerbe anerkannte. Sunda Kelapa beherbergt die weltweit größte Flotte dieser traditionellen Holzfrachter. Dahinter: Hochhäuser, Kräne, das 21. Jahrhundert.

Das ist kein Museum. Das ist Montag.

Amsterdam am Äquator, mit Malaria-Geschichte

Fünf Minuten zu Fuß entfernt liegt Kota Tua, das alte Batavia, das die Niederländische Ostindien-Kompanie, ja die aus dem Film Fluch der Karibik, im 17. Jahrhundert nach Amsterdamer Vorbild baute: Grachten, Giebelhäuser, Kopfsteinpflaster und dazu 35 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Kompanie war das mächtigste Handelsunternehmen der Welt und wurde von der Stadt, die sie baute, langsam aufgerieben. Die stehenden Kanäle züchteten Malaria. Batavia hieß bald “Friedhof der Europäer”. Im Café Batavia aus dem frühen 19. Jahrhundert, das heute auf die restaurierten Fassaden des Platzes blickt, trinkt man das sehr gut weg.

Auf dem Platz selbst stehen an Wochenenden die Ondel-Ondel: 2,5 Meter große Bambuspuppen mit wild aufgerissenen Augen und scharlachroten Wangen, immer ein Paar, Mann und Frau. Sie sind das Maskottchen der Betawi, des Urvolks von Jakarta, das selbst ein Amalgam aus Sundanesen, Javanern, Chinesen, Arabern und Holländern ist, die sich seit dem 17. Jahrhundert im alten Batavia vermischt haben. Eine Identität aus Schichten, wie die Stadt.

Image: Gunawan Kartapranata, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Ein paar Kilometer entfernt, in einem Viertel, das die meisten Touristen nie betreten, steht neben der Masjid Perahu eine hölzerne Arche Noah, gebaut nach der Geschichte des Propheten Nuh, mit einem riesigen handgeschriebenen Koran im Inneren. Übersehen von fast allen Besuchern der Stadt.

Und nicht weit davon: die Istiqlal-Moschee, die größte Moschee Südostasiens mit Platz für über 120.000 Gläubige, steht direkt gegenüber der Jakartaer Kathedrale. Während der Weihnachtsmesse nutzt die Kirchengemeinde den Parkplatz der Moschee. Während der Eid-Gebete die Moschee den der Kirche. Barack Obama nannte das bei seinem Besuch 2010 ein Symbol für alles, was Indonesien der Welt zeigen könne. Es stimmt.

Was die Küche weiß

Kerak Telor riecht nach Holzkohle und gerösteter Kokosnuss: Klebreis, Ei und getrocknete Shrimps auf offener Glut, bis die Unterseite knusprig bricht. Früher ein Privileg der Kolonial-Oberschicht, heute an jedem zweiten Straßenstand. Rawon ist schwarz, die Farbe kommt von der Keluak-Nuss, und so tief und erdig, dass man es in keiner indonesischen Küche Europas findet.

Soto Betawi ist Rindersuppe in Kokosmilch, mit Innereien, Limette und Gnemon-Chips — das Gericht, das man beim nächsten Abendessen erzählen will. Semur Jengkol schließlich: Jengkol-Bohnen in süßer Sojasauce, eine Betawi-Delikatesse, deren Geruch beim Kochen stark an etwas erinnert, das dieser Artikel im ersten Absatz erwähnt. Jakarta ergibt als Ganzes Sinn.

Zum Trinken empfiehlt sich Bir Pletok, das alkoholfreie “Bier” der Betawi aus Ingwer, Pfeffer und Zitronengras, kalt oder warm, beides überzeugend.

Wenn die Nachmittagshitze einsetzt: Es Cendol, Reismehl-Fäden in Kokosmilch mit Palmzucker und zerstoßenem Eis, das Getränk, für das diese Hitze fast verzeihlich wird.

Image: Fimela, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

Eine Stunde weg, eine andere Welt

Die Kepulauan Seribu, die Tausend Inseln, sind schneller zu erreichen als der Jakartaer Flughafen: Korallen, türkises Wasser, kaum westliche Touristen, alles per Schnellboot ab Marina Ancol.

Darunter Pulau Bidadari liegt 30 Minuten entfernt, mit den Ruinen einer Kolonialfestung, die der Krakatoa-Ausbruch von 1883 halb einriss und nie wieder aufgebaut wurde. Oder Pulau Pari, anderthalb Stunden hinaus, hat weißen Sand, unberührte Riffe und ein echtes Fischerdorf. Wer Stille sucht, fährt nach Pulau Macan, Tiger Island: ein kleines Eco-Resort mit bewusst wenigen Hütten direkt über dem Wasser, Sonnenuntergang vom Bett aus, rund 90 Minuten von der Stadt entfernt.

Von diesen Inseln fehlen heute fünf. Illegal abgebauter Sand wurde nach Singapore verschifft und dort verbaut. Im Mai 2025 zeigten Satelliten wieder Bagger.

Und Abends

Wer abends nichts geringeres als Spektakulär sucht, der sitzt auf dem 67. Stock des Westin und sieht das alles auf einmal: Nationalmonument, Stadion, Zoo, die Bucht mit ihren Inseln, das Licht der Stadt, das bis zum Horizont reicht. Unten Pinisi-Frachter, in der Mitte Archen und Kolonialfriedhöfe und Oben der warme weite Nachthimmel.

Was man nicht sieht aber diese Bucht zusammenhält, heißt Gotong Royong, das indonesische Prinzip des gemeinsamen Helfens, älter als jede Infrastruktur und zäher als Sand. Und irgendwo in der Luft: Durian. Verboten, natürlich.


Dieser Beitrag ist Teil einer größeren Geschichte. Earth’s Agency ist eine fiktionale Buchreihe über reale Fakten, echte Systeme und das, was auf dem Spiel steht.

Felicity & Cassian mittendrin, in einer Welt, die nicht vollständig erfunden ist.

Wirklichkeit wird zur Geschichte. Geschichte wird zur Wirklichkeit.

Zur Buchreihe.


Jeder hört anders. Wer wissen will, welche Musik die Protagonisten im Buch hören, wenn gerade keine Krise ist, findet es bei Spotify. Felicity Cassian Jasmine Étienne



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