Jakarta. Warum die am schnellsten sinkende Großstadt der Welt ein lösbares Problem hat.

Im Dezember 1922 verlegte die niederländische Kolonialverwaltung in Batavia, dem heutigen Jakarta, 53 Kilometer Trinkwasserleitung. Von den Bergquellen in Bogor durch den Dschungel bis in die Villen der Stadt. Eine beachtliche Ingenieursleistung. Sie versorgte zuverlässig die wohlhabenden Haushalte.

Hundert Jahre später hat sich nicht viel verändert, Jakartas Leitungsnetz versorgt immer noch vor allem die wohlhabenden Haushalte mit Trinkwasser. Nur rund ein Drittel der über 10 bis 12 Millionen Einwohner des Stadtgebiets hat einen Anschluss an die offiziellen Trinkwasserleitungen, bei Abwasserleitungen sind es sogar nur 4 Prozent.

Und daraus folgt eine Kettenreaktion, die so absurd klingt, dass man sie zweimal lesen muss: Jakarta versinkt im Meer, weil es nicht genug Wasserleitungen hat.

Durst mit Folgen

Es beginnt mit Durst, etwas, was wir in Europa in der Regel nicht mehr kennen. Wer in Jakarta kein Trinkwasser aus der Leitung hat, bohrt einen Brunnen oder nutzt einen bestehenden. Das Wasser, das über die Brunnen entnommen wird, entleert die unterirdischen Speicher. In diese Hohlräume fließt dann nach und nach Salzwasser aus dem Meer.

Bei 6 bis 8 Millionen Brunnen-Nutzern, wirkt die Anzahl der geschätzt mindestens 4.000 illegalen Brunnen fast schon optimistisch. Über 80 Prozent der Grundwasserproben in Nord-Jakarta sind zu salzig zum Trinken. Also bohrt man tiefer, aber diese entziehen den tieferen Erdschichten Süßwasser und weiteres Salzwasser drängt in die freigewordenen Hohlräume.

Image: NASA Earth Observatory (Public Domain), by Lauren Dauphin, using Landsat data from U.S. Geological Survey

Sinken geht schneller als Steigen

Jakartas Aquifer besteht aus feinstem Sand und Lehm, vollgesogen mit Süßwasser. Im Prinzip eine Art Schwamm. Und wenn Millionen Menschen gleichzeitig Wasser daraus entnehmen, passiert mit diesem Schwamm exakt das, was mit jedem Küchenschwamm passiert, auf den man drückt: Er wird flacher.

In Nord-Jakarta sackt der Boden nach neueren Messungen um 5 bis 15 Zentimeter pro Jahr ab. Der globale Meeresspiegel steigt pro Jahr, je nach Messung und Ort, um drei bis vier Millimeter. Jakartas Boden sinkt mindestens neunmal schneller, als das Meer steigt.

Flüsse fließen nicht bergauf

Gleichzeitig können Jakartas dreizehn Flüsse bei starken Regenfällen zunehmend schlechter ins Meer abfließen, weil ihre Mündungen inzwischen nicht mehr über, sondern unter dem Meeresspiegel liegen.

Bei der großen Flut von 2013 kostete das 40 Menschenleben und umgerechnet 2,4 Milliarden Dollar Schäden. Die Antwort darauf: ein 32 Kilometer langer Damm.

Und hier entsteht die nächste ungünstige Schleife. Der Damm vermittelt Sicherheit. Die Sicherheit lässt mehr Menschen in die Nähe des Meeres ziehen. Dies führt zu mehr Gebäuden, und mehr Menschen in den Gebäuden brauchen mehr Wasser. Das wiederum kommt auch aus Brunnen, die dann den Boden schneller absenken. Ökonomen nennen das Prinzip dahinter Moral Hazard.

Oben ist besser als unten

Dieser Kreislauf trifft nicht alle gleich. In den wohlhabenderen Vierteln und Geschäftsvierteln entstehen Hochhäuser auf künstlichen Hügeln, meterhoch über dem Hochwasserpegel. Direkt daneben liegen Kampungs, die informellen Siedlungen, einige Meter tiefer. Nicht weil die Geologie dort anders wäre, sondern weil sich dort niemand künstliche Hügel leisten kann.

Und weil das noch nicht reicht, pumpen die Oben über private Entwässerungssysteme Wasser zu denen Unten ab.

Und Unten kommt nicht nur Trinkwasser raus. Die städtische Kanalisation deckt nur rund vier Prozent der Stadtfläche ab. Von hundert Toilettenspülungen landen 96 ungeklärt in Kanälen und Flüssen, und die fließen eben nach unten.

Ungleichheit ist nicht die Folge dieser Krise. Sie ist ihr Motor.

Rohre

Wenn Jakartas Probleme aus Naturgesetzen bestünde, aus Tektonik oder unaufhaltsamer Physik, dann wäre es hoffnungslos. Aber Jakarta versinkt wegen Entscheidungen: fehlende Leitungen, unregulierte Brunnen, eine Infrastruktur, die hundert Jahre lang nur für einen Bruchteil der Bevölkerung gebaut wurde.

Entscheidungen lassen sich ändern. Das klingt nach Plattitüde, ist es aber nicht. Andere machen es vor.

In den 1960er Jahren versank Tokio genauso schnell. 24 Zentimeter pro Jahr. Dieselbe Ursache, dieselbe Panik. Die Küstenviertel galten als „Zero-Meter-Zone”. Was Tokio dann tat, klingt beinahe enttäuschend: Zwei Gesetze regulierten die Grundwasserentnahme. Staudämme lieferten Oberflächenwasser. Rohre ersetzten Brunnen. Einfach eine Regierung, die sagte: Ab jetzt kommt das Wasser aus Leitungen, nicht aus dem Boden. Innerhalb von zehn Jahren begann der Grundwasserspiegel zu steigen. Zwanzig Jahre später war die Absenkung so gut wie gestoppt. Von über 20 Zentimetern pro Jahr auf etwa einen. Bangkok regulierte die Entnahme mit Lizenzen und Gebühren. Shanghai kombinierte Regulierung mit aktiver Grundwasserneueinspeisung. Die Absenkung verlangsamte sich in beiden Fällen drastisch.

Drei Megastädte, drei Kontinente, drei Mal dieselbe Geschichte.

Jakarta hat von allen sinkenden Metropolen der Welt die am besten dokumentierte Ursache und die am klarsten bewiesene Lösung. Nach all den Milliarden für Dämme, Deiche, den Giant Sea Wall und sogar die Verlegung der Hauptstadt in den Regenwald lautet die Antwort, ganz nüchtern betrachtet: Rohre. Und den politischen Willen, sie zu verlegen.

Bisher aber nur ein kleiner Lichtblick. Vor der Küste von Nord-Jakarta, dort wo Fischerboote über versunkene Fundamente gleiten und das Wasser nach Salz und verrottendem Holz riecht, stecken fleißige Hände Mangrovensetzlinge in den weichen Schlick. Kleine grüne Bündel, kaum kniehoch, die Wurzeln schon im Brackwasser. Im Schatten der Setzlinge sammelt sich bereits feines Sediment, eine hauchdünne Schicht neuer Boden. Mangroven halten Sediment fest, brechen Wellen, filtern Salz. Und sie wachsen dort am schnellsten, wo alles andere längst aufgegeben hat.


Dieser Beitrag ist Teil einer größeren Geschichte. Earth’s Agency ist eine fiktionale Buchreihe über reale Fakten, echte Systeme und das, was auf dem Spiel steht.

Felicity & Cassian mittendrin, in einer Welt, die nicht vollständig erfunden ist.

Wirklichkeit wird zur Geschichte. Geschichte wird zur Wirklichkeit.

Zur Buchreihe.


Jeder hört anders. Wer wissen will, welche Musik die Protagonisten im Buch hören, wenn gerade keine Krise ist, findet es bei Spotify. Felicity Cassian Jasmine Étienne



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