Der Pazifik verhält sich wie eine riesige flache Badewanne. Ein Ventilator bläst permanent von rechts nach links, von Südamerika in Richtung Asien. Er schiebt das warme Oberflächenwasser vor sich her. Links türmt es sich auf, vor den Küsten Indonesiens und Australiens. Rechts, vor Südamerika, wo das warme Wasser weggeblasen wird, entsteht eine Lücke, und kaltes Wasser aus der Tiefe steigt nach oben. Dieses Tiefenwasser ist reich an Nährstoffen, weil es organisches Material vom Meeresboden mit sich trägt. Peruanische Fischer lebten von ihm.
In der Realität ist dieser Ventilator der Passatwind. Er entsteht, weil die Sonne die Tropen stärker aufheizt als den Rest der Erde, warme Luft aufsteigt und die Erdrotation sie nach Westen ablenkt. Er weht seit Millionen von Jahren.
Zuverlässig, aber nicht für immer.
Alle zwei bis sieben Jahre lässt er nach. Warum genau, ist nicht vollständig geklärt. Das aufgetürmte Warmwasser links, das bislang vom Wind festgehalten wurde, ist frei und verschiebt sich zurück nach rechts, Richtung südamerikanische Küste. Dort verdrängt es das kalte Nährwasser in die Tiefe. Keine Nährstoffe, keine Fische. Die Fischer nannten dieses Phänomen El Niño, das Christkind, weil das warme Wasser typischerweise im Dezember die Küste erreicht, unabhängig davon, wie lange das letzte Ereignis zurückliegt.
Jetzt beginnt eine Schleife. Wärmeres Wasser rechts bedeutet wärmere Luft darüber. Wärmere Luft steigt auf, der Luftdruck sinkt, die Druckverteilung über dem Pazifik verschiebt sich, und das schwächt den Passatwind weiter. Ein schwächerer Passatwind lässt noch mehr Warmwasser nach rechts fließen. Die Badewanne schaukelt sich selbst auf, bis das System irgendwann wieder kippt.
Das Gegenstück ist La Niña, das Spiegelbild. Jetzt dreht jemand den Ventilator auf Maximum. Das warme Wasser wird noch stärker als normal nach links gedrückt, noch fester vor Indonesien und Australien festgehalten. Rechts, vor Südamerika, steigt noch mehr kaltes Tiefenwasser auf als gewöhnlich. Links wird es wärmer als normal, rechts kälter. Wo El Niño die Badewanne nach rechts kippen lässt, kippt La Niña sie nach links. Beide Extreme zusammen, plus der Normalzustand dazwischen, nennen Wissenschaftler ENSO.

Was das für den Rest der Welt bedeutet, liegt an einem schmalen Luftband in etwa zehn Kilometern Höhe: dem Jetstream. Er entsteht, weil kalte Polarluft und warme Tropenluft aneinanderstoßen, und dieser Temperaturgegensatz peitscht einen schnellen Luftstrom von West nach Ost. Der Jetstream ist kein starres Band, er schlängelt sich, weicht nach Norden oder Süden aus, und wo er verläuft, entscheidet er, wo Tiefdruckgebiete entlanglaufen, wo es regnet, wo es stürmt, wo es trocken bleibt. Wenn El Niño oder La Niña die Wassertemperaturen im Pazifik verschieben, verändern sie den Temperaturgegensatz zwischen Tropen und Polen und damit die Bahn des Jetstreams. In Australien bedeutet La Niña Überschwemmungen, El Niño Buschbrände. In Ostafrika kehrt sich das um. In Europa wandern Winterstürme andere Wege, Dürresommer entstehen dort, wo sie statistisch selten waren. Kein Automatismus, aber eine messbare Verschiebung der Wahrscheinlichkeiten, tausende Kilometer vom Pazifik entfernt.
Auf diesen langsamen, jahrelangen Takt legt sich ein schnellerer. Die Madden-Julian-Oszillation entsteht über dem warmen Indischen Ozean, wo feuchte Luft aufsteigt, gewaltige Gewitterwolken sich ballen und ein reisendes Sturmsystem losläuft. Es zieht ostwärts, über den Indischen Ozean, weiter in den Pazifik, alle 30 bis 60 Tage einmal rund um den gesamten Tropenstreifen. Hinter der aktiven Sturmzone folgt eine Zone der Stille, dann beginnt der Puls neu.
Trifft er im richtigen Moment auf einen schwelenden El Niño, schiebt er zusätzliche Wärme in den Osten und drängt die Badewanne endgültig über die Schwelle. Das Extremereignis von 1997/98, eines der stärksten je gemessenen, begann genau so: erst ein schwelender El Niño, dann zwei starke MJO-Impulse im Winter 1996/97. Weite Teile Indonesiens erlitten ihre schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Kalifornien versank in Rekordniederschlägen. Meteorologen hatten das Ereignis Monate im Voraus erkannt.
Ein Tiefdruckgebiet, das sich nicht erklärt. Ein Monsun, der zu früh kommt. Ein Dürresommer dort, wo es immer geregnet hat. Immer derselbe Ursprung, dreitausend Kilometer entfernt, unter der Oberfläche.
Dieser Beitrag ist Teil einer größeren Geschichte. Earth’s Agency ist eine fiktionale Buchreihe über reale Fakten, echte Systeme und das, was auf dem Spiel steht.
Felicity & Cassian mittendrin, in einer Welt, die nicht vollständig erfunden ist.
Wirklichkeit wird zur Geschichte. Geschichte wird zur Wirklichkeit.
Jeder hört anders. Wer wissen will, welche Musik die Protagonisten im Buch hören, wenn gerade keine Krise ist, findet es bei Spotify. Felicity Cassian Jasmine Étienne
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